Im Oktober 2025 wurde der Gedenkstätte Engerhafe ein besonderes Objekt überreicht: eine Flaschenpost aus der Zeit des Nationalsozialismus. Den eingewachsten Brief samt Flasche hatten Söhne einer Nachbarin aus Engerhafe im Sommer 2005 im Abelitz-Moordorf-Kanal beim Angeln gefunden. Sie öffneten die noch versiegelte Flasche und waren nicht wenig überrascht, folgende Zeilen zu lesen:
November 1938: In dieser Nacht wurde mein Mann ins KZ gebracht, unser Laden wurde verbrannt! Bitte helft mir!!


Die zerbrochene Flasche samt Brief wurden dann 20 Jahre lang von derselben Nachbarin aus Engerhafe sorgsam eingerahmt und verwahrt, bis der Brief die Gedenkstätte Engerhafe im Herbst 2025 erreichte. Unsere Hoffnung war es, den Inhalt des Briefes überprüfen zu können und mögliche Familienangehörige der Autorin des Briefes zu finden.
Die Recherche
Recherchen in den Arolsen Archives und im Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Aurich lieferten erstaunliche Erkenntnisse: Tatsächlich wurde der betroffene Ehemann und Vater aus Moordorf im November 1938 ins KZ Flossenbürg nach Bayern gebracht. Zuvor war er durch den Oberstaatsanwalt in Aurich zu einer 4-wöchigen Haftstrafe verurteilt worden. Einmal in Haft und von den Nazis als „Vorbeugungshäftling“ eingeordnet, geriet er in die Mühlen der nationalsozialistischen Verfolgung.
Unrecht in Moordorf
Als KPD-Mitglied, Bewohner Moordorfs, ohne einflussreiche Kontakte und aus ärmlichen Verhältnissen kommend, war er den Nationalsozialisten gleich mehrfach ein Dorn im Auge. 1934 und 1937 hatten bereits zwei Massenprozesse gegen Moordorfer Kommunisten stattgefunden. Im selben Jahr 1937 verfasste Arend Lang, angestellt beim Gesundheitsamt Aurich, eine Denkschrift mit dem Titel: „Lösung des Asozialenproblems durch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (Dargestellt an dem Ort Moordorf, Regierungsbezirk Aurich)“. Zwangssterilisationen und Deportation der Einwohner Moordorfs sowie eine komplette Neugründung des Ortes waren gängige Vorschläge im Umgang mit Moordorf.
Von November 1938 bis Sommer 1941 wurde der Ehemann und Vater aus Moordorf schließlich im Konzentrationslager festgehalten. Er wurde 1941 entlassen, um beim Überfall auf die Sowjetunion als Kraftfahrer für die Wehrmacht zu arbeiten. Er überlebte den Krieg, wenn auch versehrt mit einem blauen Bein durch schwere Erfrierungen.
Gibt es Angehörige?
Mit diesem Wissen begann nun die Suche nach den Nachfahren, vielleicht auch der Verfasserin des Hilferufs. Über persönliche Kontakte zu Einwohnern in Moordorf erhielten wir den Tipp, mit der Friedhofswärterin zu sprechen.
Bei ihr im Wohnzimmer gingen wir alle möglichen nachkommenden Angehörigen einer großen Familie durch. Einige lebten nach ihrer Information auch heute noch in der Gegend. Per Zufall entschieden wir uns, unser Glück bei einem Enkel des NS-Verfolgten zu suchen und fuhren zu seinem Haus.
Wir trafen direkt den Enkel an. Ungläubig hörte er die Geschichte der Flaschenpost an. Von der Flaschenpost und auch der KZ-Haftzeit seines Großvaters hatte er noch nie gehört. Nach kurzer Zeit holte er ein Portraitbild seines Großvaters, ein Hochzeitsbild seiner Großeltern sowie ein Foto seiner Mutter, die den Hilferuf in großer Verzweiflung 1938 abgesetzt hatte. Bald schon teilte er uns einige der schönen Erinnerungen an seinen Großvater mit, so z.B., wie dieser nach Erhalt des nicht üppigen monatlichen Rentenschecks fröhlich wurde, mit Stock und Hut loszog und großzügig seine Enkel zu Süßigkeiten im Dorf einlud.
Eine Woche später überreichten wir der Familie nach 87 Jahren die zerbrochene Flasche und den unbeantwortet gebliebenen Hilferuf der Mutter als junges Mädchen. Abgesetzt hatte sie ihn in demselben Abelitz-Moordorf-Kanal, in dem ihr Sohn mit seinem inzwischen ebenfalls erwachsenen Sohn unzählige Male gefischt hatte. Gerührt und dankbar nahmen sie beide Gegenstände entgegen, die sie mit der Geschichte ihrer Familie hier in Ostfriesland verbindet.