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„Aufarbeitungsweltmeister“

„Aufarbeitungsweltmeister“

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, Aurich, 27.01.2026, Rede von Mattis Binner (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten):

„Ihr müsst wachsam sein und aufpassen, dass so etwas nicht wieder passiert.“ Das sagte der mittlerweile 100-jährige Auschwitz-Überlebende Albrecht Weinberg, der ganz hier in der Nähe, in Rhauderfehn, geboren ist. Sie werden ihn sicherlich kennen. Ich durfte ihn letztes Jahr bei einem Vortrag in Oldenburg kennenlernen – eine sehr beeindruckende Persönlichkeit. Was Albrecht Weinberg uns hier mitgibt, ist so etwas wie das Credo der deutschen Erinnerungskultur. Das „Nie Wieder“ ist Teil von vielen Gedenkveranstaltungen oder Redebeiträgen. Und das ist auch gut so. Der Appell klingt erst einmal simpel: wir sollen als nachfolgende Generationen dafür sorgen, dass wir aus der Geschichte lernen und dass sich Verbrechen wie die der Nationalsozialisten nicht wiederholen. Wenn wir aber ins Detail gehen, stellen sich schnell viele Fragen, die gar nicht so simpel zu beantworten sind. Wie genau lernen wir richtig aus der Geschichte und wie sorgen wir dafür, dass aus dem Gelernten auch die richtigen Schlüsse und Handlungsoptionen gezogen werden? Sind demokratiefeindliche Bestrebungen von heute mit denen der Demokratiefeinde in der Weimarer Republik zu vergleichen? Wie können wir sie bekämpfen? Wie können wir verhindern, dass die Formel des „Nie Wieder“ zu einer Plattitüde wird? Wie können wir es mit Leben füllen und somit als Gesellschaft dafür sorgen, dass unsere liberale Demokratie bestehen bleibt? Wie können wir dazu beitragen, dass die wehrhafte Demokratie ihren Namen auch verdient?

Die Antworten auf diese Fragen sind vielschichtig und kompliziert. Das wird Sie kaum überraschen. Teilweise gibt es auch mehrere richtige Antworten aus unterschiedlichen Richtungen, die nebeneinander Bestand haben oder Lösungsansätze werden sich erst mit der Zeit als richtig oder falsch herausstellen. Ich möchte trotzdem probieren, einige dieser Fragen zu beantworten.

Zuvor möchte ich aber auf die zentrale Bedeutung des heutigen Gedenktages hinweisen. Wir haben uns hier heute versammelt, um der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 zu gedenken. Der internationale Holocaust-Gedenktag erinnert an die Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden – denn genau dafür steht Auschwitz symbolisch. Dort wurden zwischen 1940 und 1945 ungefähr eine Millionen Menschen ermordet – die meisten von ihnen wurden als Jüdinnen und Juden verfolgt. Auschwitz hat eine so große symbolische Bedeutung, weil dort vor allem die Jüdinnen und Juden ermordet worden sind, die aus Europa dorthin deportiert wurden. Und, weil es mit ungefähr einer Million Opfer das Vernichtungslager mit der größten Opferzahl ist. Auschwitz beschreibt damit den dritten und letzten Abschnitt des Holocaust. Die beiden ersten Abschnitte sind weit weniger bekannt. Wo und wie wurden die anderen Opfer des Holocaust ermordet? Mit dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion im Sommer 1941 begann die erste Phase des Holocaust. Im sogenannten „holocaust by bullets“, also dem „Holocaust durch Kugeln“, wurden jüdische Menschen in Osteuropa in ihren Dörfern und Städten als solche durch gelbe Ringe oder Davidsterne an der Kleidung markiert, von nichtjüdischen Mitbürger*innen separiert und durch Einsatzgruppen erschossen. Durch diese Massenerschießungen wurden ungefähr 2 Millionen Menschen ermordet. Die zweite Phase des Holocaust nannte sich „Aktion Reinhardt“. Diese Mordprogramm richtete sich vor allem gegen polnische Jüdinnen und Juden. In drei neu errichteten Vernichtungslagern – Treblinka, Belzec und Sobibor – wurden in nur einem Jahr 1,6 Millionen Menschen in Gaskammern im heutigen Polen ermordet. Allein in Treblinka, das zwischen Warschau und Białystok liegt, wurden ungefähr 900 000 Menschen ermordet. Doch den Namen kennt kaum jemand. Nach „erfolgreichem Abschluss“ der Mordaktion wurden die Vernichtungslager abgebaut und die Spuren verwischt. Das ist ein Grund, warum der Völkermord an den polnischen Jüdinnen und Juden in der breiten Öffentlichkeit relativ unbekannt ist. In Auschwitz hingegen stehen noch viele Steingebäude und Holzbaracken, die man besichtigen kann.

Ich erzähle Ihnen das so ausführlich, weil es mir ein Anliegen ist, heute auf alle Opfer des Nationalsozialismus hinzuweisen. Auschwitz steht auch für sie als Symbol. Das sollten wir nicht vergessen.

Ich habe eben vom Holocaust-Gedenktag gesprochen. In Deutschland hat der heutige Gedenktag allerdings einen anderen Namen mit einem kleinen, aber bedeutsamen Unterschied. Bei uns heißt er „Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus“. Damit wurde bei der Benennung Sorge dafür getragen, dass auch die nichtjüdischen Opfer des NS erinnert werden. Übrigens wurden auch in Auschwitz nicht ausschließlich Jüdinnen und Juden Opfer, auch wenn sie zahlenmäßig die größte Gruppe ausmachten. Auch der Völkermord an ungefähr 500 000 Sinti und Roma fand zu einem Großteil in Auschwitz statt und auch nichtjüdische Pol*innen oder sowjetische Kriegsgefangene waren dort inhaftiert.

In der deutschen Erinnerungskultur gibt es noch immer einige „vergessene“ Opfergruppen, die in der Öffentlichkeit eher wenig Beachtung finden. Zu nennen ist da beispielsweise die Gruppe der sogenannten „Asozialen“. Die Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Menschen, weil sie abweichende Lebensentwürfe hatten und nicht in die imaginierte „Volksgemeinschaft“ passten. Dazu gehörten Obdachlose, Bettler, Fürsorgeempfänger, Landstreicher, Alkoholiker, „Arbeitsscheue“ oder auch Homosexuelle. Diese wurden als „Schädlinge“ oder „unnütze Esser“ verunglimpft und aufgrund einer vermeintlichen „erbbiologischen Minderwertigkeit“ zwangssterilisiert oder in Konzentrationslagern inhaftiert. Ein Beispiel dafür ist das Jugend-KZ Moringen im Süden von Niedersachsen. Dort wurden Jugendliche als „kriminell und asozial“ verfolgt, da sie als „Swing-Kids“ Jazz und somit „undeutsche“ Musik hörten oder weil sie in Jugendfürsorgeheimen als „Pubertätsversager“ galten. Was auch immer damit gemeint sein soll. Viele Opfer wurden auch nach 1945 weiter stigmatisiert und erst 2020 wurde die Gruppe der sogenannten „Asozialen“ ebenso wie die Gruppe der sogenannten „Berufsverbrecher“ vom Bundestag als Verfolgtengruppe anerkannt.

Eine weitere, vor allem in der Opferzahl unterrepräsentierte Gruppe ist die der sowjetischen Kriegsgefangenen. Sie wurden als „rassisch minderwertige Slawen“ in deutschen Kriegsgefangenenlagern systematisch unterernährt, zur Zwangsarbeit getrieben und ermordet. In Niedersachsen bilden sie sogar die größte Opfergruppe: ungefähr 100 000 von ihnen starben in Kriegsgefangenenlagern im heutigen Niedersachsen an Unterernährung, direkter Ermordung oder den lebenswidrigen Umständen in den Lagern – zu denen gehörten beispielsweise Sandbostel, Bergen-Belsen oder Fallingbostel.

Ebenfalls aus der Sowjetunion stammte eine dritte Gruppe an Opfern, die zumindest in ihrem tatsächlichen Ausmaß in der Form nicht bekannt ist: Als Arbeitskräfte für die deutsche Kriegsindustrie wurden bis zu 20 Millionen Menschen aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten in Europa ins Deutsche Reich verschleppt. Neben der Sowjetunion gehörten dazu auch Frankreich, die BeNeLux-Staaten, Polen und weite Teile Südosteuropas. Sie wurden in Zwangsarbeiterlagern untergebracht und hatten dort strikte Regeln zu befolgen. Dazu gehörten ein Kontaktverbot zu Deutschen oder eine nächtliche Ausganssperre. Auch Fluchtversuche oder sogenannte „Rassenschande“ wurden bestraft – häufig mit Hinrichtung oder KZ-Haft. Hinzu kam, dass die Arbeit in den deutschen Betrieben physisch und psychisch äußerst belastend war. Viele große Firmen, die in der NS-Zeit Zwangsarbeiter*innen beschäftigten, bestehen bis heute. Dazu gehören VW, Continental oder Bahlsen. Viele dieser Firmen distanzierten sich erst spät und häufig erst nach Druck von außen von den eigenen Verbrechen. Ein Beispiel dafür ist die Urenkelin des Firmengründers des Hannoveraner Lebensmittelherstellers Bahlsen, die vor ein paar Jahren sagte: „Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt“ Aus meiner Sicht ist diese Aussage ziemlich symptomatisch für den Blick viele deutscher Firmen auf die eigene Verstrickung in NS-Verbrechen. „Ja, Unrecht hat es wohl gegeben, aber erstens waren wir in diesem System immer noch vergleichsweise gut und außerdem mussten wir ja mitmachen.“ So das Narrativ. Genau diese Zwangsläufigkeit hat es nicht gegeben. Es gibt viele Beispiele deutscher Firmen, die keine Zwangsarbeiter*innen ausbeuteten und sich dem System nicht anbiederten. Die Konsequenz daraus war aber ein weniger starkes Wachstum der Firma und ein weniger schnell wachsendes Privatvermögen der Firmeneigentümer.

An dieser Stelle alle Opfergruppen zu benennen würde zu weit führen, doch eine letzte Gruppe möchte ich exemplarisch noch nennen: Im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“ – der bessere Begriff an dieser Stelle ist „Krankenmorde“ – wurden in ganz Europa Menschen mit psychischen Krankheiten, körperlichen und geistigen Behinderungen oder auch sogenannte „Asoziale“ ermordet. Die geschichtswissenschaftlichen Schätzungen gehen hierbei weit auseinander, eine Opferzahl von 200 000 bis 300 000 Menschen kann jedoch als gesichert angesehen werden. Hinzu kommt eine Zahl von 350 000 bis 400 000 Menschen, die zwangssterilisiert worden sind. In Niedersachsen gab es zwei Stätten für die Krankenmorde: Lüneburg und Wehnen bei Oldenburg. Aus vielen weiteren Heil- und Pflegeanstalten wurden kranke Menschen in Tötungsanstalten wie Bernburg oder Hadamar deportiert. In Lüneburg und Wehnen erinnern heute Gedenkstätten an die Krankenmorde.

Und damit komme ich zum zweiten Teil meiner Betrachtung. Im Folgenden möchte ich Antworten auf die zu Beginn gestellten Fragen geben. Wenn man diese Fragen zusammenfassen will, könnte man formulieren: Wie muss unsere Erinnerungskultur heute aussehen, damit sie zu einer wehrhaften Demokratie und einem demokratischen Zusammenleben beiträgt? Um sich dieser Frage zu nähern ist ein Begriff zentral: „Aufarbeitungsweltmeister“. Wir seien so konsequent und schonungslos in der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit wie sonst kein Land auf der Welt. Jährliche Gedenktage wie der heutige zum 27. Januar, aber auch die zur Befreiung anderer Konzentrationslager, die meistens im April oder Anfang Mai stattfinden, oder die große Zahl an Gedenkstätten an Orten ehemaliger Konzentrationslager oder anderer Orte des NS-Unrechts würden darauf hinweisen, dass eine breite und nachhaltige Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit stattfinde. Daran, dass ich hierbei den Konjunktiv verwende, merken Sie schon, dass das zumindest nicht in dem Ausmaß der Fall ist, in dem es der Begriff „Aufarbeitungsweltmeister“ suggeriert. Dieser wird vor allem auch in der internationalen Debatte verwendet, um auf das vermeintliche Leuchtturmbeispiel Deutschland hinzuweisen. In der Debatte um die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sklaverei in den USA ist dies beispielsweise der Fall. In der deutschen Debatte wird der Begriff aber mittlerweile auch mit einer ironischen Konnotation verwendet wie es der Autor Max Czollek tut, die die These vertritt, dass die deutsche Erinnerungskultur vor allem den Zweck hat, die Deutschen zu entschulden. Auch, wenn ich dabei inhaltlich nicht mitgehen würde, müssen wir dennoch konstatieren, dass unsere Erinnerungskultur zumindest in Teilen nachjustiert werden muss.

Und damit – und das ist mir wirklich wichtig – will ich mitnichten die riesigen Verdienste der vielen Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen im Land kleinreden, von denen es gerade in Niedersachsen vergleichsweise viele gibt. Mit der KZ-Gedenkstätte Engerhafe, der AG Stolpersteine Aurich und der Ehemaligen Jüdischen Schule Leer haben wir gleich drei herausragende Beispiele dafür hier in Ostfriesland, wie eine gute Erinnerungsarbeit aussieht.

Mein Punkt ist folgender: Wir haben in den letzten zehn Jahren einen beängstigenden Rechtsruck erlebt und mit der AfD ist eine in Teilen gesichert rechtsextreme Partei in Umfragen bundesweit stärkste Kraft. Rassismus und Antisemitismus nehmen immer weiter zu, Jüdinnen und Juden haben wieder Angst in Deutschland auf die Straße zu gehen. In Oldenburg gab es 2024 einen Brandanschlag auf die dortige Synagoge. Immer wieder gibt es auch körperliche Übergriffe durch Rechte auf politisch anders Denkende wie den auf den SPD-Politiker Mathias Ecke 2024 in Dresden. Auch Gedenkveranstaltungen sind zur Zielscheibe geworden wie genau vor einem Jahr in der Gedenkstätte Ahlem in Hannover, als nach der Gedenkveranstaltung zum 27. Januar dort abgelegte Kränze zerstört wurden. Ein 26-jähriger Rechtsextremist wurde für diese Tat verurteilt.

Diese kurze unvollständige Aufzählung von Vorfällen der letzten Jahre lässt nur einen Schluss zu: wir haben ein eklatantes Problem mit rechter Gewalt und rechte Einstellungen reichen bis weit in die Mitte der Gesellschaft. Meine These dazu lautet: Wäre Deutschland tatsächlich „Aufarbeitungsweltmeister“, dann hätten wir in Deutschland keinen Rechtsruck in so extremer Form. Natürlich ist eine Verschiebung der politischen Situation in Deutschland multifaktoriell und nicht ausschließlich auf eine inkonsequente Erinnerungskultur zurückzuführen, diese spielt dabei aber doch eine wichtige Rolle. Um diese Rolle zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick in die Geschichte der deutschen Erinnerungskultur nach 1945.

Eine erste breite öffentliche Debatte um die NS-Verbrechen gab es im Rahmen der Presseberichterstattung des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses 1945 und 1946. Hierbei konnten in der deutschen Gesellschaft zwei Effekte festgestellt werden, die die folgenden Jahrzehnte prägten und teilweise bis heute nachwirken. Zum einen konnten die Deutschen die Schuld an den NS-Verbrechen auf die Hauptkriegsverbrecher beschränken. Das Narrativ lautete: Hitler als Führer und zentraler Befehlsgeber war Schuld und ebenso seine Führungsriege um Göring, Himmler und Goebbels – Funktionsträger, die weiter unten in der Befehlskette standen oder einzelne Wehrmachtssoldaten, Polizisten oder einfache deutsche Bürger waren diesen Befehlen von ganz oben ausgeliefert und hatten kein Mitspracherecht oder Handlungsspielraum. Dieser häufig bemühte „Befehlsnotstand“ ist mittlerweile weitreichend widerlegt worden und die Geschichtswissenschaft zeigt, dass es eben kein Automatismus war, verbrecherische Befehle befolgen zu müssen. Hierbei wurde außerdem ausgeblendet, dass viele Deutsche vor der Machtübertragung die NSDAP gewählt hatten und auch in den 12 Jahren NS-Diktatur der menschenfeindlichen Politik unterstützten beziehungsweise nichts dagegen einzuwenden hatten, solange es sie oder ihr persönliches Umfeld nicht betraf. Viele Deutsche profitierten von der Ausgrenzungspolitik finanziell oder ihnen gelang dadurch ein gesellschaftlicher Aufstieg.

Das zweite Narrativ, mit dem auf die Nürnberger Prozesse reagiert wurde, war, dass es sich um eine tendenziöse Siegerjustiz handeln würde, bei der die Schuld der Angeklagten schon im Vorfeld festgestanden hätte. Auch dieser Vorwurf ist widerlegt, da sich alle vier Siegermächte bei der Ausgestaltung des Hauptkriegsverbrecherprozesses große Mühe gaben, rechtsstaatliche Prinzipien anzuwenden und diese auch ernst zu nehmen.

Nach einem anfänglich großen Interesse an der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen folgten Jahrzehnte des Schweigens. Das Wirtschaftswunder stand im Zentrum des öffentlichen Interesses und Fragen nach der eigenen Vergangenheit wurden dabei als störend empfunden. Einige Zäsuren gab es dennoch: der Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963, die 68er-Generation, die sich mit der Tatbeteiligung der eigenen Väter im NS auseinandersetzte, die Fernsehserie „Holocaust“ in den 80ern, die das Thema breitenwirksam in die deutschen Wohnzimmer brachte. Auch die Rede von Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985, in der der Bundespräsident von einem Tag der Befreiung sprach und damit die Wahrnehmung des 8. Mai 1945 als einen Tag der Niederlage ablösen wollte, gehört dazu. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte fand bei vielen dieser Zäsuren nur selten statt. Es blieb zu oft bei Lippenbekenntnissen. Die Folgen dieser Nicht-Auseinandersetzung sehen wir heute. Bei vielen Deutschen existiert ein verzerrtes Bild der Realität im Nationalsozialismus. Das Ausmaß der Verbrechen, das breite Wissen um die Verbrechen und die Tatbeteiligung der deutschen Bevölkerung, der ausbleibende Widerstand und auch die Rolle der eigenen Vorfahren wurden dabei unterschätzt. Die MeMo-Studie der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft illustriert das sehr gut: 2020 sagten 32% der Befragten, dass ihre Vorfahren potentiellen Opfern geholfen hätten. Die tatsächliche Zahl liegt wohl bei unter 1%. Wir sehen daran, dass viele Deutsche ein unzureichendes Wissen über die NS-Zeit und über ihre eigenen Vorfahren haben.

Und es ist auch kein Zufall, dass viele Gedenkstätten erst in den 1980er-Jahren entstanden. Ungefähr 40 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war zumindest ein Teil der deutschen Gesellschaft bereit, gegen breite Widerstände nationalsozialistische Verbrechen als diese zu benennen und regional zu erforschen. Genau das fand auch in Niedersachsen statt. Die Verdienste dieser Grassroot-Bewegung von lokalen Geschichtsforscher*innen oder Geschichtswerkstätten mit dem Motto „Grabe, wo du stehst“ ist nicht hoch genug einzuschätzen, denn viele dieser Initiativen mündeten in Gedenkstättenvereinen und später in Gedenkstätten – wie wir es in Engerhafe sehen. Dort existiert aufgrund des Engagements in den 1980er Jahren seit 2009 eine erste Ausstellung, die 2024 neugestaltet worden ist. Auch außerhalb von Ostfriesland haben wir in Niedersachsen heute das Glück, eine breit aufgestellte Gedenkstättenlandschaft zu haben, die viele verschiedene Verbrechenskomplexe abdeckt. Wir zählen insgesamt über 30 Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen.

Ich möchte nun zu meiner These von eben zurückkommen. Wir sehen Probleme in der Erinnerungskultur und brauchen Veränderungen. Doch was genau müssen wir anders machen? Ich glaube im Kern sind es drei Punkte:

Erstens müssen wir einen größeren Fokus auf die Bildungsarbeit in Gedenkstätten legen. Obwohl wir seit Jahrzehnten erfolgreich Bildungsarbeit machen, müssen wir selbstkritisch feststellen, dass heute gerade auch junge Menschen rechte Einstellungen vertreten. Was ist schiefgelaufen? Ich denke, dass zu viele Gedenkstättenbesuche mit Schulklassen – denn das sind die mit Abstand häufigsten Besucher*innengruppen – in der Vergangenheit schlicht zu kurz waren. Lange galt es als zentral, möglichst viele Besucher*innen in den Gedenkstätten zu haben, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Daran ist an sich auch nichts verkehrt. Das Problem in der Praxis ist dabei aber häufig, dass Schulklassen dann nur für eine kurze Überblicksführung in die Gedenkstätten gefahren sind. Was wir aber brauchen ist Zeit. Ideal sind ganztägige Workshop-Formate, in denen wir tief in das Thema einsteigen können und den Schüler*innen beibringen können, wie man selbst aus der Geschichte lernt, wie man sich selbst eine Meinung aus dem Gelernten bildet und was man daraus für die heutige Lebensrealität mitnehmen kann. Wir wollen also neben der Vermittlung von Fakten auch ein reflexives Geschichtsbewusstsein entwickeln, dass die Menschen, die Gedenkstätten besuchen, zu mündigen Akteuren macht.

Zweitens müssen wir unsere Formen des Erinnerns überdenken. Auch, wenn Gedenktage wie der heute von großer Bedeutung sind, dürfen wir es dabei nicht belassen. Eine Gefahr, die ich sehe, ist, dass es eine ritualisierte Form des Gedenkens gibt. Man trifft sich alljährlich zu exponierten Gedenktagen, legt gemeinsam einen Kranz nieder, ist gemeinsam betroffen. Auch, wenn das sicherlich wichtig ist und ganz klar eine Berechtigung hat, reicht das leider nicht aus. Oder wie es der Historiker Wolfgang Benz einmal gesagt hat: „Emotionale Betroffenheit allein ist keine Erinnerungskultur“. Wir brauchen eine aktive Zivilgesellschaft, die das mit Leben füllt. Die die Erinnerung wach hält und dabei neue Formen des Erinnerns ausprobiert, auch mal experimentiert. Als Stichwort möchte ich hier Digitalisierung nennen. Wieso keine digitalen Formen des Erinnerns ausprobieren? Wieso nicht stärker auf Instagram oder TikTok setzen? Bei allen Problemen oder Gefahren, die Social Media mit sich bringt, finde ich es zwingend notwendig, dass wir auch dort aktiver werden. Auch, wenn da einige Gedenkstätten, Vereine oder Einzelpersonen schon viel tun, ist da noch eine Menge Luft nach oben. Vor allem, wenn wir auch junge Menschen einbinden wollen. Und auch eine weitere Bevölkerungsgruppe sollten wir bei unseren Überlegungen nicht außer Acht lassen. Erinnerungskultur ist häufig eine ziemlich Weiße Angelegenheit. Menschen mit Migrationsgeschichte, die immerhin ein Viertel unserer Gesellschaft ausmachen, werden nur selten mitgedacht. Auch das muss sich ändern.

An der Stelle ist es mir aber auch wichtig darauf hinzuweisen, dass wir Gedenkstätten nicht mit Aufgaben überfrachten dürfen. Gesamtgesellschaftliche Probleme wie ein Anstieg demokratiefeindlicher Einstellungen oder ein Rechtsruck können nicht ausschließlich in Gedenkstätten gelöst werden. Das wäre eine Überforderung. Neben neuen Aufgaben wie Digitalisierung oder neue Formen der Erinnerung haben Gedenkstätten weitere Kernaufgaben, die darunter nicht leiden dürfen. Das betrifft vor allem die Archivarbeit und damit auch die Schicksalsklärung für Angehörige von NS-Opfern und auch die Aufgabe, Ansprechpartner für Überlebende und auch der zweiten und dritten Generation der Überlebenden zu sein.

Drittens müssen wir als Zivilgesellschaft, aber vor allem auch in den Gedenkstätten die größte Gefahr für unsere Demokratie im Moment benennen: die AfD. Zu lange gab es dabei Zweifel und Berührungsängste: Wie politisch dürfen wir sein? Verlassen wir damit nicht das Terrain eines neutralen Ortes? Doch dieses falsch verstandene Neutralitätsgebot ist gefährlich. Was wir im Bildungskontext, aber auch sonst, in Gedenkstätten nicht tun, ist Wahlempfehlungen auszusprechen. Das wäre dann tatsächlich nicht neutral. Was wir aber tun dürfen und meiner Meinung nach auch müssen, ist demokratiefeindliche Bestrebungen als solche zu benennen und politische Strömungen, die unser Grundgesetz und die Menschenwürde bekämpfen, anzuprangern. Und genau das ist die AfD. Höcke sprach vom zentralen Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ und forderte eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“, womit er nichts anderes forderte, als einen Schlussstrich unter die deutsche Erinnerungskultur zu ziehen. Beim Potsdamer Geheimtreffen Ende 2023 diskutierten AfD-Mitglieder über die „Remigration“ deutscher Staatsbürger mit Migrationsgeschichte. Gemeint war die Deportation von Menschen mit deutschem Pass. Was folgte, war eine breite Protestwelle aus der Mitte der Gesellschaft – und genau das brauchen wir auch heute und vor allem andauernd. Die Proteste ebbten ab und die AfD überstand den Skandal weitestgehend unbeschadet. Wir müssen laut und wach bleiben und für unsere Demokratie kämpfen. Denn was wir aus den 1920er Jahren lernen können: Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.