Ivan Nesic wird am 15. April 1920 im Dorf Glozane im Königreich Jugoslawien geboren. Er arbeitet als Hufschmied, bis er in die jugoslawische Armee eingezogen wird. Am 6. April 1941 überfällt die deutsche Wehrmacht Jugoslawien, am 17. April kapituliert die jugoslawische Armee.
Kriegsgefangenschaft
Ivan Nesic gerät in Belgrad in deutsche Kriegsgefangenschaft. Etwa 200.000 Soldaten und Offiziere, fast ausschließlich Serben, werden gefangen genommen. Viele bleiben auf eingezäunten offenen Feldern Wind und Wetter überlassen. Hinzu kommen Gewalt und schlechte Behandlung durch die Wehrmachtssoldaten. Als „Südostgefangene“ werden sie in überfüllten Viehwaggons ins Deutsche Reich gebracht.

Ivan Nesic (rechts) und sein Vetter Rade in der Uniform des Königreichs Jugoslawiens, Foto privat, Alfred Nesic
Im Sommer 1941 organisieren sich die ersten Partisanengruppen und nehmen den Kampf gegen die deutschen Besatzer auf. Auch Ivan Nesics Bruder Vladimir schließt sich ihnen an. Ivan Nesic ist 21 Jahre alt, als er als Kriegsgefangener in Deutschland ankommt. Die Serben werden in den Stammlagern registriert und dann auf das ganze Deutsche Reich verteilt, um sie als Arbeitskräfte zu nutzen. Viele arbeiten unter schlechtesten Bedingungen in der deutschen Wirtschaft und Landwirtschaft.
Zwangsarbeit in Ostfriesland
Im Juni 1941 wird Ivan Nesic über das Stammlager XC Nienburg mit anderen Serben in das Kriegsgefangenenlager AK 5523 Victorbur, Ostfriesland, gebracht. Er ist mit 27 anderen Serben und sowjetischen Kriegsgefangenen in einem Wohnhaus untergebracht. Sie werden von Landesschützen bewacht. In Ostfriesland gibt es zahlreiche „Serbenlager“, die größten in Emden und Hesel. Ivan darf wie die anderen Serben seine Uniform als Kleidung behalten, nachdem alle Rangabzeichen entfernt wurden.
Ivan Nesic und die anderen Serben arbeiten tagsüber bei den Bauern der Umgebung. Dazu dürfen sich die Bauern „ihre“ Arbeiter aussuchen. Bertus Detmers, Landwirt aus Moordorf, der auch die Gaststätte inklusive Kolonial- und Landhandel samt Poststelle betreibt, wählt Ivan Nesic aus. Zunächst soll er die Gartenarbeit erledigen, doch bald beauftragt Bertus Detmers ihn, die Landstellen mit Waren zu versorgen. Ivan Nesic lernt plattdeutsch und darf nach einiger Zeit auch Lieferungen abkassieren. Er fährt Touren nach Aurich, um in der Wein- und Spirituosenhandlung Winter Bierfässer und Spirituosen einzukaufen. Er macht dies so häufig und zuverlässig, dass er von anderen Personen unterwegs Geld bekommt, um ihnen Schnaps aus Aurich mitzubringen. Kinder fahren in Moordorf auf seinem Wagen gerne mit. Tagsüber ist er im Arbeitseinsatz für Detmers, am Abend kehrt er in die Baracke zu den anderen serbischen Kriegsgefangenen zurück.

Ivan Nesic als Kriegsgefangener, angestellt bei Bertus Detmers vor dessen Laden, Foto privat, Alfred Nesic

Ivan Nesic als Kriegsgefangener, angestellt bei Bertus Detmers vor dessen Laden, Foto privat, Alfred Nesic
Ivan Nesic beliefert auch den Hof von Familie de Vries in Moordorf. Bei den Besuchen lernt er die Tochter Alberta, genannt Berti, kennen und die beiden verlieben sich. Von den Nationalsozialisten werden soziale Kontakte oder gar intime Verhältnisse zwischen Deutschen und Ausländern, insbesondere osteuropäischen Männern, unter strenge Strafe, nicht selten Todesstrafe, gestellt. Die beiden haben Glück, denn es gelingt ihnen, die Beziehung geheim zu halten oder vielleicht wird sie im sozialen Umfeld in Moordorf auch geduldet. An einem Sonntag ist Ivan Nesic mit dem Fahrrad unterwegs zu Berti und wird von dem örtlichen Polizisten Ludwig Albuschat angehalten, da er während der Sperrzeit außerhalb des Lagers unterwegs ist. Albuschat ruft bei Bertus Detmers an, um sich zu beschweren, doch dieser verteidigt Ivan Nesic vehement, da er in seinem Auftrag unterwegs sei, um Gelder für ihn einzutreiben.
Befreiung
Im Mai 1945 kapituliert Deutschland und die Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen sind frei. Die meisten kehren in ihre Heimatländer zurück, nicht so viele Serben. Die Gruppe der Serben ist untereinander zerstritten zwischen Königstreuen und Anhängern von Tito. Die Königstreuen fürchten Strafaktionen von Tito, der die Arbeit für die Deutschen zudem als Verrat betrachtet.
Berti ist inzwischen schwanger und für die beiden beginnt eine ungewisse Zeit. Arbeitslos und als „displaced Person“ ohne Dokumente ist Ivan Nesic über drei Jahre in Lagern in Bockhorn bei Varel, in Osnabrück, in Sengwarden, der ehemaligen Marinekaserne bei Wilhelmshaven, wieder Bockhorn und Esens untergebracht. In Sengwarden ist auch eine große Gemeinschaft von jüdischen Shoa-Überlebenden, die auf ihre Ausreise nach Palästina wartet.
Im Januar 1946 kommt der gemeinsame Sohn Alfred zur Welt. Endlich erhält Ivan Nesic Papiere, er kann in Deutschland bleiben und die beiden heiraten.

Berti und Ivan Nesic mit ihrem Sohn Alfred, Foto privat, Alfred Nesic

Ausweis von Ivan Nesic der Internationalen Flüchtlingsorganisation, ausgestellt am 29.11.1949, Arolsen Archives, DocID: 79523121

Ausweis von Berti Nesic der Internationalen Flüchtlingsorganisation, ausgestellt am 29.11.1949, Arolsen Archives, DocID: 79523121
Leben nach dem Krieg
Sie ziehen in das Haus von Bertis Eltern in Moordorf und 1955 wird Tochter Marianne geboren. Ivan Nesic hilft im Landhandel bei Detmers aus und führt mit Berti den Bauernhof. 1953 ist Ivan Nesic Mitgründer des Schützenvereins „Sichere Hand“ in Moordorf. Der Polizist Albuschat ist erster Vorsitzender, Ivan Nesic fährt häufig die Königskutsche. Mit der Familie Detmers verbindet ihn eine lebenslange Freundschaft. Ivan Nesic hat in Moordorf seine Heimat gefunden und ist im Dorf sehr geschätzt. Er kehrt aus Sorge vor Repressalien allerdings nie wieder in seine Heimat zurück.
1971 besuchen sein Bruder Vladimir und dessen Frau Beba die Familie in Moordorf. Nach 32 Jahren sehen sich die Brüder wieder, sogar die regionalen „Ostfriesischen Nachrichten“ berichten darüber.
Bis 1991 betreiben Berti und Ivan den Bauernhof ihrer Eltern.
Berti stirbt 1999, Ivan Nesic im Jahr 2002.